vom reisetempo und lebensrhythmus

diesen blogbeitrag schreibe ich in saint-jean-pied-de-port, wo wir heute die vierte nacht verbringen – nach mehr als 3 wochen, in denen wir jede nacht an einem neuen ort verbrachten. ich hatte magen-darm und das wetter hatte dauerregen, so dass wir unser reisetempo drosselten – höchste zeit, wie ich jetzt sagen kann.

ich stelle fest: ich bin so wahnsinnig viel langsamer als ich in den letzten jahren gelebt habe! wie gut das tut, dies mal ausleben zu können, mein ureigenes tempo leben zu können, ohne ständig mit allem hinterher zu hinken und mich doof zu fühlen, weil ich nicht mithalten kann… obwohl: ich glaube eigentlich nicht, dass meine mitmenschen mich als langsam bezeichnet hätten. dennoch hatte ich immer das gefühl, mich über alle maßen pushen und antreiben zu müssen, um mit meinem leben stand halten zu können…

woherauchimmer dies getriebensein stammt. ich bin nun schon so lange raus aus jobs und anderen äußeren ‚zwängen‘, die ich als antreiber hätte ausmachen können – muss wohl in mir liegen. mist! wie krieg ich das raus? beziehungsweise: muss das weg oder brauch ich das irgendwie?

„man nimmt sich mit“ heißt es. ja, auch auf reisen. ich nehme das getriebensein mit. ilka steht mir da leider in nichts nach, bzw. manchmal überholt die eine die andere, aber (zu) schnell sind wir beide. 23 verschiedene schlafplätze in 23 tagen, naja. es gäbe rekorde, auf die wir stolz sein könnten. dieser ist uns aus versehen passiert, quasi im vorüberziehen – nebenbei und unbemerkt, wie so oft.

obwohl: hatten wir nicht schon vor 2 wochen mal angemerkt, dass es schön wäre, mal für länger irgendwo zu bleiben? gab’s da nicht die situation vorletzte woche, als wir so gestresst waren vom regen und der enge und dem zeitdruck, irgendwo anzukommen, dass wir uns anzickten, in streit gerieten und uns anschließend erschrocken versicherten, dass wir mal wieder innehalten müssten im reisefluss?

wohin verschwindet so eine erkenntnis bzw. bedürfnis? taucht es ab im geht-schon-wieder, wird überlagert von tollen ausblicken, netten begegnungen, leckerem essen – all dem, was man auf reisen (und im leben) so erlebt.

wir können unserem nassen herbst danken, dass der regen uns ab und zu ausbremst – wer weiß, wie wir sonst unterwegs wären? und diesmal danke ich meinem verdauungstrakt – scheinbar ist mir das pausenlose an unserem unterwegsein auf den magen geschlagen, offensichtlich waren es zuviele eindrücke in kurzer zeit, die ich nicht mehr verdauen konnte.

wieauchimmer, nun rasten wir in saint-jean-pied-de-port – dort, wo die jakobswegpilger*innen zum „camino frances“ starten und machen eigentlich nix außer genesen, ein bißchen aufräumen, fotos sortieren, blogeinträge schreiben, youtube-videos glotzen – sackenlassen. und warten, bis unsere seelen nachkommen. die armen: mußten uns von klein auf so oft in unserem leben schon hinterherhecheln…

in der zwischenzeit lernen wir das käuzchen kennen, das hier in der gegend wohl wohnt und jede nacht ruft, werden von einem stellplatznachbarn im dorf beim einkaufen erkannt und mit „mes voisines“ – „meine nachbarinnen“ angesprochen und begrüßt, erkennen die spaziergängerin und ihre hündin wieder, die täglich hier ihre runde dreht – ein bißchen vertrautheit und alltag. tut gut.

vielleicht ist ja auch dafür diese ‚reise‘ gut: vielleicht können wir lernen im unterwegssein anzukommen. unser ureigenes, stimmiges tempo zu finden. unseren eigenen rhythmus aus reisen und rasten, ziehen und ruhen, schnell und langsam. eigentlich so basal, schlicht & einfach wie tag und nacht, ebbe und flut, ein- und ausatmen… ganz schön eigentlich: diese reise als laaaanges ausatmen, das wir in unserem leben kaum hatten. müssen nur auch dabei immer mal ne pause machen und einatmen zum beispiel 😉
uns immer mal dran erinnern und auf’s neue drauf besinnen, wenn’s abhanden kommt…

4 Kommentare zu „vom reisetempo und lebensrhythmus

  1. Liebe Pia! Danke für deinen Reisebericht. Oh ja, wir wissen ja, dass wir uns überall mitnehmen, aber es wirklich mitzubekommen, ist noch ein anderes Spiel. Ich bewundere euch so sehr, das ihr eure Sehnsucht umsetzt. Dazu gehört seeehr viel Mut und Tatkraft: Allein schon den Haushalt aufzulösen!!🌹 sei ganz lieb von mir geggrüsst, deine hertha

  2. Sehr schöner Beitrag. Danke. Sah mich in manchem wieder. Interessant das du es in dem Ort geschrieben hast, wo viele auf dem Jakobsweg starten, um auch genau diesen Rhythmus für sich zu finden. Viele “rennen” auch erst mal los und merken es auf der Reise das sie zu schnell sind…

    1. danke, johannes! und du kennst ja den camino… falls ich ihn 2006 tatsächlich gegangen wäre (hat dann aus jobgründen nicht geklappt), wäre ich mit sicherheit auch erstmal losgerannt… so wie nun auch erstmal auf dieser reise. zum glück gibt‘s dann manchmal einen bulli oder ähnliches, was einen bremst 😉

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