portrait 1: pola & johannes

pola & johannes haben wir an der algarve/portugal im januar 2019 kennengelernt.
zuvor hatten wir schon öfter mit dem gedanken gespielt, menschen zu interviewen, die ähnlich unterwegs waren wie wir und die portraits auf unserem blögchen zu veröffentlichen (näheres dazu unter nomadenportraits). nach einem geselligen abend mit den beiden und intensivem austausch über unsere lebensform, haben wir die idee umgesetzt, einen kleinen interviewleitfaden entwickelt und die beiden gefragt, ob sie dazu lust hätten. da uns unsere wege zunächst in verschiedene richtungen geführt haben, nahmen sie unseren fragebogen mit und schickten uns ihre antworten zu.
wir wünschen eine inspirierende lektüre!


bitt
e stellt euch in ein paar sätzen vor:
Wir sind Pola Krenkel, 22 Jahre alt und Johannes Gölz, 32 Jahr
e alt. Wir haben beide auf einem Demeter-Hof am Bodensee die 2-jährige Ausbildung zum Landwirt gemacht. Dabei haben wir die freie Landbauschule Bodensee besucht, parallel dazu jedoch auch den staatlichen Abschluss  absolviert. Der Hof ist einer anthroposophischen Einrichtung angeschlossen auf dem auch Menschen mit Beeinträchtigung mitarbeiten. Auf diesem Hof haben auch wir beide uns kennengelernt und sind seitdem als Paar unterwegs.

Pola: Ich war 13 Jahre auf der Walddorfschule in Saarbrücken und war mir meiner Entscheidung Bäuerin zu werden schon relativ früh bewusst. 

Johannes: Anders war es bei mir. Nach der Realschule habe ich erst eine Ausbildung zum Mechatroniker gemacht und im Anschluss Mechatronik studiert und 2,5 Jahre als Ingenieur gearbeitet. Erst nach einer persönlichen Krise und Neuorientierungsphase kam ich zur Landwirtschaft.

wie seid ihr unterwegs und seit wann?
Nach unserer Ausbildung, die wir Mitte August beendeten, haben wir nach einem selbstausgebauten Campingbus gesucht und gefunden. Pünktlich Ende August sind
 wir mit unserem gelben Opel Movano Kastenwagen, unserem neuen Zuhause, Richtung Spanien gefahren. In Barcelona waren wir nämlich zu einer Hochzeit am 1. September 2018 eingeladen. 

wie seid ihr darauf gekommen euren festen wohnsitz aufzugeben und ein nomadisches leben zu beginnen?
Während der Ausbildung, die viel Zeit und Raum eingenommen hatte, kam immer wieder die
 Idee auf mit dem Ford Nugget Bus loszufahren, der bei uns vor der Tür stand und verkauft werden sollte. Dazu kam noch, dass wir nach der Ausbildung unsere Wohnung auf dem Hof verlassen mussten und wir nicht wussten wo wir genau hinwollten, um weiter zu leben und zu arbeiten.

was liebt ihr am nomadentum und worauf könntet ihr gerne verzichten?
W
as wir beide als große Bereicherung ansehen sind neue Menschen kennen zu lernen. Jeder Mensch hat immer eine neue interessante Lebensgeschichte zu erzählen und bringt einen anderen neuen und in der Regel sympathischen Charakter mit. Uns ist es aber wichtig den Menschen richtig zu begegnen und sie kennen zu lernen und teilweise auch Kontakt zu ihnen zu halten. Deshalb ist es uns auch wichtig immer wieder sich in die Ruhe und Abgeschiedenheit zurück zu ziehen. Dies ist mit dem Bus ja zum Glück immer möglich.

Was uns speziell in unserem Bus manchmal etwas auf die Nerven geht, ist die täglich neue Toilettensuche und immer dafür zu sorgen, dass alles vorhanden ist, da man einfach keine großen Vorräte haben kann.

Pola: Außerdem gehe ich persönlich nicht gerne ihn große Städte, wo die anderen Menschen so sehr raus geputzt sind, wo ich mir meinem eher praktischem, manchmal etwas ungewaschenem, vielleicht manchmal leicht schäbigem Äußerem bewusst werde. Dann kommen meist auch Konsumgedanken auf, weil mein Selbstwertgefühl in den Keller gerutscht ist und dies will ich vermeiden.

verfolgt ihr einen bestimmten plan oder ziel? ist eure reise auf dauer angelegt oder eine übergangssituation?
Unser Plan war es ja z
u reisen und die Landwirtschaft in anderen Ländern besser kennenzulernen. Wir wollten dort auf möglichen Höfen mitarbeiten und Erfahrungen sammeln und dadurch die Reise weiter finanzieren. Wegen der Sprachbarriere und des meist doch festen Personals auf den Höfen konnten wir bisher nur an einem Ort gegen Bezahlung arbeiten. Einfacher ist es bei Arbeit gegen Kost und Logie auf einem Hof. Dies haben wir auch schon gemacht. Bis jetzt waren wir in Spanien und sind nun in Portugal unterwegs. Wir wollen danach durch Frankreich, Schweiz und Österreich nach Deutschland zurück. Dort ist das Ziel unserer Reise einen Ort zum leben und arbeiten in der Nähe unserer Heimaten zu finden. Schwerpunkt soll das Arbeiten in der Landwirtschaft sein, jedoch tragen wir auch beide andere Interessen und Fähigkeiten in uns, die ergänzend zur Landwirtschaft sein können – auch hinsichtlich des Einkommens.
Die Dauer dieser Reise lässt sich schwer planen und endet, wenn wir es wollen und einen Ort gefunden haben.

welche ressourcen benötigt bzw. nutzt ihr für diesen lebensstil? (energie / ideelles / finanzielles /sonstiges…)
Die Anschaffung des
 Campingbusses konnte sich Johannes durch den Verkauf seines Autos ermöglichen. Auch Ersparnisse aus der Vergangenheit bieten noch ein sicheres Puffer. Dennoch versuchen wir möglichst günstig zu leben und eben über Jobs immer wieder Geld zu verdienen, sodass sich die Reisekosten in Grenzen halten. Aus Geldgründen gehen wir selten essen, wir kaufen unser Essen ein oder bekommen es von Höfen. Unser kleiner Luxus ist öfters mal ein Café-Besuch bei dem wir die Toilette und das WIFI nutzen. Das Trinkwasser haben wir von Quellen, wenn es keine gibt, müssen wir es kaufen. Für Strom und Wasser und Stellplatzgebühren haben wir kaum Kosten, da es viele geeignete öffentliche Plätz gibt, an denen man einfach so stehen kann. Die Kosten fürs Gas (Heizen, Kühlen, Kochen) mit etwa 4 Euro pro Woche halten sich auch in Grenzen. Stärker ins Gewicht fallen da schon die Dieselkosten. Wobei je langsamer man reist, desto günstiger wird es.
Ohne richtige Aufgabe, wenn wir nur in den Tag rein leben, was zwischendurch auch passiert, kostet es uns meist mehr
 Überwindung und Energie den Tag zu gestalten. 

wie hat euer umfeld auf diesen schritt reagiert?
Das gemeinsame Umfeld der Landbauschule und unseres Arbeitsplatzes hat sehr offen, interessiert und manchmal fast ein bisschen neidisch reagiert, wobei es alle uns gegönnt haben.

Pola: Sehr ähnlich haben Freunde von mir aus dem Saarland und meine Familie reagiert. Meine Eltern sind beide Künstler und meine drei jüngeren Geschwister gehen teilweise noch zur Schule. Als der Bus dann in unserer Einfahrt stand und sie alle mal eine Führung darin bekamen, wären sie alle gerne mit gekommen. Vor allem haben ich bis jetzt immer wieder gute Unterstützung von meinen Eltern aus der Ferne bekommen, was mir sehr geholfen hat.

Johannes: Mein Umfeld hat soweit ganz gut darauf reagiert. Ich vermute meine Familie ist es schon ein bisschen gewöhnt, dass ich versuche meinen eigenen Weg zu gehen und dazu eben auch Reisen wie diese dazu gehören. Die Frage, wie wir das finanzieren wollen, kam vor der Reise schon auch auf und ist ja auch berechtigt.

berichtet ihr anderen von eurer „reise“ und wenn ja, in welcher Form?
Johannes besitzt ein Smartphone über das wir über
 Whatsapp immer mal wieder etwas schreiben und ein paar Bilder schicken an Freunde und Familie. Vor allem mit der Familie telefonieren wir auch beide regelmäßig. Für Kommunikation haben wir jetzt mehr Zeit als es noch in der Zeit der Ausbildung war. Wir haben uns beide aber bewusst gegen einen Blog entschieden über den oft viele andere Reisende kommunizieren. Wir haben dafür zu Weihnachten eine kleine Zeitung gestaltet, in der wir von unserer Reise berichten und die wir in einem Copyshop ausgedruckt haben und dann an 60 von uns ausgewählte Freunde und Familienmitglieder geschickt haben, per Post. Briefe und ab und zu auch Pakete gehören auch zu unserer Art der Kommunikation hier auf der Reise. Uns etwas zu schicken gestaltet sich natürlich immer etwas schwieriger als andersherum, aber es geht.

was hat sich für euch verändert seit ihr unterwegs seid?
Pola
: Für mich hat sich auf jeden Fall der Blick auf meine Heimat das Saarland und meine Familie und Freunde dort geändert. Ich habe seit ich dort weg bin immer etwas damit gehadert was ich eigentlich bin. Im Saarland geboren und aufgewachsen. Meine Mutter aus dem schwäbischen und mein Vater aus der Pfalz und mein Großvater sogar noch aus Dresden. Ich kann mich mittlerweile mehr als Saarländerin identifizieren. Ich habe auch viel mehr zu schätzen gelernt meine Familie und auch gute Freunden zu haben, von denen ich auch ein paar auf der Reise kennen gelernt habe.

Johannes: Da man beim Reisen ja oft den Ort wechselt und oft mit sich und dem Partner alleine ist, wurde mir schon mal noch mehr bewusst, was Heimat oder ein vertrauter Ort und Menschen für mich bedeuten. Zudem bringt Reisen mit sich, dass man immer wieder seinen Tag planen muss und ihn mit etwas füllen muss, was auch anstrengend sein kann oder unbefriedigend, wenn es nicht gelingt. Mir wurde klar, dass eine Aufgabe/ Arbeit wichtig für mich und meine Tagesstruktur ist. Daher ist es auch abgesehen vom Finanziellen wichtig für mich immer wieder an Orte zu kommen, wo man mit Handanlegen kann.

wie ist es für euch als paar zu reisen?
Wir haben zuvor schon 2 Jahre teilweise zu zweit und teilweise noch mit einer Mitbewohnerin zusammen gewohnt und auch gearbeitet. Wir waren also eine gewisse Nähe schon zuvor gewöhnt.
 Pola: Trotzdem ist es nochmal enger und anders im Bus. Wir kommen uns näher auch in unseren primitivsten Bedürfnissen, mit fettigen Haaren und ungeduscht nebeneinander zu sitzen und zu schlafen. Vor allem aber die Toilettenbesuche, die ohne einem Klo im Bus und nur mit Klopapier und Spaten zur größeren Herausforderung und größerem Thema zwischen uns werden.

Natürlich gehen einem auch Eigenarten des anderen manchmal auf die Nerven, wobei es meist eher meine eigenen immer ähnlichen Reaktionen auf die von Johannes sind, die mich nerven und immer die gleichen Themen, auf die wir stoßen, auch wenn die Orte außen sich immer wieder ändern.Trotzdem freue ich mich immer wieder aufs Neue, dass Johannes da ist, denn alleine hätte ich mich nicht getraut diese Reise so zu machen.

Johannes: Alleine mit dem Rucksack zu reisen kann ich mir vorstellen und habe ich auf dem Jakobsweg auch schon gemacht, jetzt aber beim Reisen mit dem Bus ist es schön zu zweit unterwegs zu sein. Wir haben auch schon unsere Aufgaben gefunden, zum Beispiel fahre ich meistens und Pola, die sowieso die bessere Orientierung hat, leitet mich oft bei der Parkplatzsuche für die Nacht. Durch die Situation, dass man beinahe 24 h des Tage zusammen verbringt, nimmt man auch alle Hochs und Tiefs beim anderen und in der Beziehung wahr.

wie möchtet ihr leben bzw. was ist euch wichtig für euer leben / was liegt euch am herzen / was sind eure werte? 
Die Antwort darauf fällt uns schwer. Ich glaube die Suche nach diesen Fragen ist auch Teil dieser Reise oder gar auf dem
ganzen Lebensweg. Dennoch meinen wir zum jetzigen Zeitpunkt auch schon Antworten dazu zu haben.

Uns liegen auf jeden Fall die Menschen und die Natur am Herzen. Daher versuchen wir so zu leben, dass unser Tun und Handeln eher dem Menschen und der Natur dient und nicht dagegen arbeitet. Wir versuchen daher eben zum Beispiel möglichst Bio einzukaufen und nur neue Dinge zu kaufen, wenn es notwendig ist, bevorzugt versuchen wir zu reparieren oder nähen oder Gebrauchtes einzukaufen.

Trotz dem großen Idealismus sieht auch unsere Realität oft anders aus und wir sind nicht immer zu hart mit uns und gönnen uns das ein oder andere oder kaufen ganz „normal“ ein.

Bei dem Leben und Arbeiten auf einem Bauernhof könnten viele unserer Werte und Vorstellungen umgesetzt werdenEs kann ein Ort sein, wo Menschen zusammen gesunde Lebensmittel für Menschen in der Region herstellen. Wir wollen aber nicht auf einem Hof nur so vor uns hin wurschteln, sondern auch Menschen mit dabei haben. Ob dies in Form von einer SoLawi (Solidarische Landwirtschaft) oder Menschen mit Behinderung sind, die mit arbeiten oder etwas ganz anderes sein wird, wissen wir nicht. Vielleicht werden auch Teile unserer Familie mit einen Platz dort finden. Ein Hof ist ein Ort, an dem es lebt und somit auch Menschenleben braucht.

Das Schönste wäre, wenn wir etwas tun, was uns zufrieden macht, gebraucht wird, man davon auch finanziell leben kann und dann auch noch sinnvoll ist. Auch wieder ein ideelles Bild, dass vielleicht schwer ist zu erreichen, aber uns auch eine Richtung vorgibt.

was glaubt ihr, weshalb wächst die zahl derer, die ein „nomadenleben“ aufnehmen?
Gute Frage, vielleicht sind einige auf der Suche nach alternativen Lebensformen. Eine Wohnung zu mieten ist vor allem in den Städten sehr teuer, und ein Haus zu kaufen oder
 zu bauen, wofür man viel Geld aufnimmt, ist auch nicht für jeden möglich. Vielleicht sehen es manche auch nicht ein, teure Wohnungsmieten zu zahlen und Kredit ab zu bezahlen. Einen Beruf auszuüben, den sie nur wegen des guten Verdienstes machen müssen. Es hängt bestimmt auch mit Sinnsuche zusammen, denn wenn man unterwegs ist, kommt man aus seinem Umfeld und vielleicht auch seinem eigenen Käfig heraus und sieht so manches anders und begegnet sich selber auch immer wieder neu. Das Internet in Kombination mit Smartphone oder Laptop macht eben auch heutzutage viel möglich. Es erleichtert die Kommunikation mit Freunden und Familien sehr und ermöglicht für manche sogar ihren Arbeitsplatz in den Bus zu verlegen.

gibt es sonst noch etwas, das ihr erwähnen/erzählen möchtet?
Am Anfang glaubte
n wir noch, es geht mehr um die Landwirtschaft auf unserer Reise. Mittlerweile denken wir, dass es viel mehr um das Vertrauen geht in den Weg, den wir gehen, und dass er richtig ist. Und vor allem, dass er uns auch zu den richtigen Orten und zu den richtigen Leuten bringt, die uns mit offenen Armen und Herzen empfangen haben. Sowohl auf der Reise als auch im „richtigen Leben“.

in der zwischenzeit hat es ein wiedersehen gegeben und wir danken euch sehr, pola & johannes, dass ihr euch getraut habt, unsere ersten interviewpartner*innen zu sein!

4 Kommentare zu „portrait 1: pola & johannes

  1. Liebe Pola, lieber Johannes,
    das Interview liefert einen sehr interessanten Einblick in eure Tour und euren derzeitigen Alltag.
    Wir freuen uns euch in naher oder ferner Zukunft wieder bei uns begrüßen zu dürfen.
    F.S. und C.G.

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