portrait 2: susanne

susanne sind wir am tag vor weihnachten 2018 in tavira begegnet und haben sie wochen später zufällig dort wieder getroffen. beim zweiten mal erzählten wir ihr von unseren nomadenportraits und fragten sie, ob wir sie dafür interviewen dürften. sie hatte lust dazu und wollte gerne persönlich befragt werden. so hatten wir zusammen einen interessanten, netten abend mit vielen gesprächsschleifen, anekdoten und gelächter. hier das verschriftlichte extrakt aus dem interview – viel freude damit!

bitte stelle dich in ein paar sätzen vor:
(susanne lacht!) Woher soll ich denn wissen, wer ich bin? Ich entdecke mich jeden Tag wieder neu! Soll ich jetzt sagen: Lehrerin, Mutter, Großmutter, 77 Jahre alt…
Die Frage, wer ich bin, begleitet mich schon immer.
Als ich zum Beispiel 1993 zum ersten Mal am pazifischen Ozean stand und mir vorgestellt habe, dass das eine weltbewegende, verändernde Erfahrung für mich wäre, hab ich festgestellt: „Ich bin’s! Ich bin die Gleiche!“

wie bist du unterwegs und seit wann?
Seit 4 Jahren und seit September 2016 hier in Portugal. Ich hatte gar nicht vor, hier zu überwintern: im September 2016 hatte ich im Freiburger Raum ein Wohnungsangebot für 6 Wochen später. Dann bin ich für diese 6 Wochen erstmal einfach losgefahren: Frankreich, Portugal, Algarve. Dort erhielt ich ein Schreiben der zukünftigen Vermieterin, dass der Ausbau der Wohnung weitere 6 Wochen dauern würde und sie schlug mir vor, für die Wartezeit eine Ferienwohnung für mich zu besorgen. Und da fiel mir auf: ich habe bereits meine Ferienwohnung, ich sitze davor: mein Bus! 3 Tage lang habe ich überlegt, ob ich das wirklich machen will. Seither bin ich an der Algarve geblieben.

wie bist du darauf gekommen, deinen festen wohnsitz aufzugeben und ein nomadisches leben zu beginnen?
Es ist mir wiederfahren! (wie oben beschrieben)
Ich hatte gar keinen festen Wohnsitz und auf die versprochene Mietwohnung hab ich dann ja verzichtet. Ich hatte das Gefühl, damit auf Sicherheit und Zukunft zu verzichten, vor allem wegen meines Alters und meiner Krankheit (mit der Borreliose lebe ich schon sehr lange, damals gab es noch keinen Namen dafür). Andere würden das niemals machen.
Vorher hatte ich mir immer nur über Winter eine Ferienwohnung genommen und war im Sommer im Bus unterwegs. Irgendwann habe ich gemerkt: ich habe mir mein Leben lang die Flügel gestutzt: das Festgelegtsein, dafür war ich noch nie geschaffen im Leben, bin alle 2 Jahre umgezogen etc.
Eigentlich habe ich einen Platz gesucht, an dem ich SEIN könnte. Zu dieser Zeit habe ich das in Form einer Wohnung in Deutschland gesucht. In der Zeit zwischen dem Freiburger Wohnungsangebot und dem Leben im Bus im Süden Portugals habe ich festgestellt: das Reisen ermöglicht es mir zu SEIN.

was liebst du am nomadentum und worauf könntest du getrost verzichten?
Ich liebe das ziellose Unterwegssein. Also: wenn die Sonne links steht und ich nach links fahren darf. Und wenn die Wolken rechts ziehen und ich da nicht hin muss…
Was mich nervt, sind die vielen Andern; dass die Natur so belegt wird mit Wohnmobilen.
Im VW-Bus finde ich es schwierig, wenn ich die Tür nicht aufmachen kann, wenn es regnet und stürmt. Dann würde ich am liebsten in eine Ferienwohnung gehen.

ist das leben unterwegs für dich auf dauer angelegt oder dient es als übergangsstadium zu einem bestimmten zweck? wie lange willst du das machen? verfolgst du einen bestimmten plan oder ein ziel?
Kein Zweck, kein Ziel.
Doch ein Ziel: hoffentlich im Auto sterben. Irgendwo da draußen in der Natur. Oder da hinten bei den Narzissen! Umfallen, und dann…
Das wär’s!

welche ressourcen benötigst bzw. nutzt du für diesen lebensstil? (energie / ideelles / finanzielles / sonstiges…)
Ich weiß nicht, ob ich deine Frage damit beantworte, aber das Bild, das in mir gerade auftaucht, ist folgendes: ich habe Schmerzen (durch meine Erkrankung) und sitze im kalten Winter in Deutschland alleine in einer kleinen Wohnung, oder: ich habe Schmerzen und ziehe im warmen, sonnigen Süden Portugals in meinem Bus umher, begegne Menschen, halte mich inmitten der Natur auf. Das heißt für mich: ich lebe!! Das heißt, mein Schmerz hat eine Umgebung, hat Raum. Lebensraum. Ich empfinde das als Leben. Mit Raum. Man kann das auch Liebe nennen.
Das ist die Ressource: Leben! Also: am Leben teilnehmen.

wie hat dein umfeld auf diesen schritt reagiert?
Ich habe kein Umfeld… Meine Tochter war schon immer 1000km entfernt.
Andere sagen nix. Ich glaube, die halten mich für völlig beknackt: ich war mal Lehrerin, das hab ich aufgegeben. Ich war mal verheiratet, das habe ich aufgegeben. Ich habe immer mehr und mehr aufgegeben. Das können viele nicht nachvollziehen.
„Ich hätte Angst!“, höre ich oft von Anderen, auch Leuten in großen Wohnmobilen. Gott sei dank, haben sie Angst – dann stehen sie nicht hier (meint: in freier Natur).

hältst du kontakt zu familie und freund*innen und wenn ja, wie? oder: berichtest du anderen von deiner „reise“ und wenn ja, in welcher form?
Im ersten Jahr habe ich berichtet: ursprünglich hab ich mir selbst eMails geschickt und diese dann rumgeschickt. Aufgrund mangelnder Resonanz und als kein Mensch danach gefragt hat, als ich aufgehört hab, habe ich es dann gelassen.
Aber eigentlich weiß ich nicht mehr genau, warum ich aufgehört hab. Ich hab das gerne gemacht, mir hat es gefallen und ich hab witzig geschrieben. Mein Bruder sah das wohl auch so und hat mir gesagt, ich müsse da was draus machen. Dieses Funktionalisieren hat mir sofort meine Freude daran verdorben. Aber wenn ich euren Blog so sehe, kriege ich wieder Lust!

was hat sich für dich verändert, seit du unterwegs bist?
Meine Menschenkenntnis hat sich sehr verändert. Ich hab endlich kapiert, wie die Menschen so sind – also, dass sie so sind, wie sie sind. Das hab ich vorher nicht gewußt… ich war sehr naiv! (lacht) Also, was sich auf Wohnmobilplätzen so abspielt, was da an Neid und Missgunst besteht…
Menschen kennenlernen, also auch mich: mein Menschsein kennenlernen – DAS hat sich sehr verändert.
„Denn sie wissen nicht, was sie tun!“ – steht schon in der Bibel – das hab ich auf Reisen gelernt. Und über mich auch: meine Vorurteile kannte ich, aber dass sie noch so aktiv sind… (lacht). Ich habe eine zeitlang mit einem Mantra für mehr Mitgefühl mit anderen Menschen gearbeitet – das hat gut gegen meine Vorurteile geholfen.
Noch eine von meinen Reiseerfahrungen: wenn ich jetzt in Tavira an der Lagune stehe, dann habe ich ein Gefühl von: wir teilen das doch alles, die Schönheit ringsum, die Natur usw. Dann spreche ich Leute an, dann menschele ich und frage: „Na, wie war die Nacht?“. Dann denken die Leute: „Ach, die Alte ist einsam!“. Das ist es nicht. Aber das ist mir egal. Ich habe da ein Basisgefühl in mir entdeckt, dass wir alle gemeinsam hier sind und zusammen gehören.

wie ist es für dich, allein zu reisen?
Hach, so schön!! (lacht sehr)
Ich war umgeben von Leuten, die nicht mitreisen wollen. Es gab einfach niemanden – auch früher schon: es wollte keiner mit auf den Berg wandern mit Zelt und so. Das Alleinesein bedeutet für mich große Freiheit und Unabhängigkeit. Und immer wieder gibt es Augenblicke oder Tage, wo ich ganz hilflos und mir ausgeliefert bin, ob ich jetzt links oder rechts will, oder rauf oder runter. Da hätte ich manchmal gerne jemanden, der mir sagt, wo lang. Weil es (überlegt) gleiche Gültigkeit hat, wo ich hinfahre. Und dann: bleibe ich stehen. Und irgendwann weiß ich es dann.
Inzwischen hat es sich noch geändert, viel mit Eckhart Tolle, da frage ich mich: was ist JETZT zu tun? Es runterholen, vom dem was sein sollte (zeigt nach vorn und oben), zu dem, was jetzt vor mir liegt (zeigt nach unten vor sich). „Steh auf und spül dein Geschirr! Frag dich nicht, ob du nach Sagres willst oder woanders hin!“

wie möchtest du leben bzw. was ist dir wichtig für dein leben / was liegt dir am herzen / was sind deine werte?
Ein gewünschter Wert ist Urteilsfreiheit: ich möchte nicht mehr urteilen. Können. Aber da bin ich noch nicht ganz.
Ich wünsche mir von Herzen Resonanz von den Menschen. Ich möchte in Resonanz sein mit Menschen. So wie ich (lacht) in Resonanz bin mit den Bäumen und den Vögeln und den Insekten.
Am liebsten hätte ich, dass Menschen kommen, aus ihrem Fahrzeug aussteigen, ein Instrument haben und wir miteinander in Resonanz treten. Also: Klänge.
Meine einzige Vision, mein wirklicher einziger Wunsch ans Leben, der kam sehr spät. Das ist: Klang-Raum. Zu erleben oder zu erzeugen. Und: Stille. Pure Stille. Das ist ebenfalls ein Herzenswunsch.

was glaubst du, weshalb wächst die zahl derer, die ein „nomadenleben“ aufnehmen?
„Nomadenleben“ weiß ich nicht, aber „Aussteiger“ in Anführungsstrichen.
Ich glaub, dass immer mehr Menschen diese Strukturen, die uns umgeben, diese krankmachenden Strukturen durchschauen. Diese „Unwerte“ in unserer Gesellschaft…
Auf welche Werte sollen die noch setzen, die jungen Leute? Woran kann man denn noch glauben? Innerhalb dieser gesellschaftlichen Strukturen?
Ich glaub, dass dieses System zusammenbrechen sollte. Und dass wir alle dazu helfen.
Irgendwann habe ich mal einer Freundin – die noch mit Selbstvorwürfen behaftetet war, weil sie nicht „funktionierte“ – gesagt: „Wir sind wahnsinnig wichtig in unserer Gesellschaft: darin, dass wir da sind und das alles nicht können! Wir stehen dafür, was wesentlich ist. Das ist doch sonst überhaupt nicht mehr sichtbar.“

gibt es sonst noch etwas, das du erwähnen/erzählen möchtest?
Ich merke, dass ich „Nomadenleben“ nicht ganz stimmig finde den wirklichen Nomaden gegenüber, dem schwierigen Leben der Nomaden gegenüber. Weil wir ja ein Luxusleben führen im Bus, mit Heizung, Wasser, wir fahren gemütlich zum Einkaufen…

herzlichen dank, susanne, für deine offenheit, deine tiefe und deinen humor!

3 Kommentare zu „portrait 2: susanne

  1. Liebe Susanne, Deine Antworten waren sehr interessant für uns, wir haben uns mit den Fragen ja auch schon beschäftigt. Es ist spannend die Antworten von dir zu lesen, da du an einem anderen Punkt im Leben stehst. Danke dir dafür!! Alles Gute! Pola und Johannes

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