Kamikaze*

Auf der Suche nach einem Stellplatz, den uns zwei Reisende ans Herz gelegt haben, machen wir uns von Aljezur aus auf den Weg an die Küste. Zudem bläst ein starker Wind, vor dem wir etwas Ruhe suchen. Die Straßen hier in Portugal erinnern uns sehr an die der Uckermark und im Laufe unseres Aufenthalt an der Algarve wurden wir immer mutiger und fuhren den ein oder anderen Outdoor-Platz an. Wir sind erstaunt und beglückt darüber, was unser alter Bulli alles schafft, und ich werde besser im Einschätzen von Lochtiefen, im Slalomfahren und Abschätzen von was-geht-und-was-nicht. Dachte ich zumindest…
Die Straße, die wir heute nehmen, wird immer schmaler, sandiger, schotterhafter – nichts Außergewöhnliches für eine Küstenstraße der Westalgarve. Das Navi zeigt uns den rechten Weg und – ups, da geht’s ganz schön runter!

In so einem Moment ist unsere Rollenverteilung klar. Pia sagt: „Da können wir nicht runter!“ Ich sag: „Doch, doch, das geht.“ Oder ich: „Das geht garnicht!“ und Pia: „Oooch, das klappt schon.“ Wenn die eine vernünftig ist, überkommt die andere der Wagemut und umgekehrt. Kennt Ihr das? Verhängnisvoll in diesem Fall…
Wir entscheiden uns für den schmalen Schotterweg bergab, weil auch das Navi uns nichts Gegenteiliges vorsagt. Erst nach sehr holprigen, steilen, unebenen hundert Metern dämmert es uns und auch das Navi ist plötzlich unserer Meinung: dieser Weg führt steil ins Nirgendwo, bzw. in den Atlantik. Okay, also Wenden. Aber wo und wie??? Ich stehe voll auf der Bremse UND habe die Handbremse angezogen!

Seitlich gibt es einen kleinen Hang, auf den ich hochfahren kann. Mal von der Bremse gehen und vielleicht auch Wenden wäre schön.
Das mit dem Hochfahren klappt! Erstmal Ausatmen und die Lage checken.
Das mit dem Wenden wird schwieriger: links fällt es ab zum Meer, rechts ist Felsen. Ich muss wohl Zentimeter um Zentimeter kehren. Also ab in den Bulli, Pia schaut draußen, daß ich nicht in den Abgrund fahre. Das Adrenalin rauscht durch’s Blut und das Herz klopft laut, als ich den Rückwärtsgang einlege und Gas gebe. Es tut sich nix, der Bulli bleibt auf der Stelle stehen. Was ist da los? Das rechte Hinterrad hängt in der Luft und dreht durch. Ich gleich auch. Das Rad hängt über einem kleinen Graben, den ich dank üppiger Bewachsung nicht gesehen habe…

Was nun? Pia fallen die Bohlen ein, die wir anstelle von Keilen zum Drauffahren bei unebenen Boden dabei haben. Vielleicht können wir diese als Brücke unter den Reifen legen. Es klappt! Der Bulli rollt wieder.
Nun nur noch das Problem mit dem Wenden lösen… Nach einigen Hin und Hers, waghalsigen Ideen meinerseits und heftigem Kopfschütteln dazu von Pia, probiere ich das, was mir undenkbar erscheint: ich lege den Rückwärtsgang ein, gebe Gas und fahre den Bulli mit dem Heck vorran den Abhang hinauf. Bloß nicht zuwenig Gas geben, sonst würgt der Motor ab, aber auch nicht zuviel Gas geben, sonst drehen die Reifen auf dem Schotter durch. Meiner LKW-Erfahrung sei dank, kann ich gut rückwärts fahren! Nur ein einziges Zögern wäre zuviel…
Geschafft!
Ich fahre in die obere Kehre und stoppe, die Siegerfaust aus dem Fenster haltend. Wir jubeln. Pia trägt die Bohlen den Weg hoch, wir packen alles ein, geben Gas und es tut sich: nix. Der Bulli steht. Das gib’s doch nicht!
Doch, nun ist es das andere Hinterrad, welches auf dem feuchten Klee am Ende der Kehre durchdreht. Es nützt nichts, wir packen unser Werkzeug aus. Es gibt einen Hammer, einige Schraubenzieher und eine Spachtel, na super. Die Bohlen bringen diesmal gar nichts. Ich nehme den Hammer und fange an, den Klee und die Erde unter dem Reifen wegzuhämmern. Klingt einfach, ist es aber nicht. Geschaufelt wird mit unserem Klappschäufelchen, welches eigentlich anderen Aufgaben gewidmet ist… Inzwischen kommt uns die Idee, dass das Ganze hier einen Blogeintrag wert sein könnte, und ich bitte Pia, ein paar Fotos zu schießen, während ich schaufele:

Der Punkt, an dem wir den Bulli stoppten (li oben), der kleine Hang seitlich mit zugewachsenem Graben (re oben), unten die im Rückwärtsgang wieder zu erklimmende Strecke (von oben sieht das immer gar nicht sooo steil aus…)

Bald entsteht ein kleiner Hohlraum unterm Reifen, den wir mit Steinen ausfüllen. Das muss reichen! Ich gebe Gas, der Bulli rollt…
Nun nur noch den zweiten Teil der steilen Schotterpiste hinauf schaffen. Der Bulli kämpft, ich schwitze, doch kommen wir beide heil oben an. Pia als Nachhut sammelt Hammer und Spachtel wieder ein und folgt uns den Hang hinauf.
Mit weichen Knien sitzen wir im Bulli und uns fällt ein, warum wir eigentlich hier sind: Wo ist denn nun der tolle Stellplatz an den Klippen? Wir fahren die zuvor verschmähte, gut ausgebaute Straße rauf und finden den Spot ohne Probleme. Leider windet es dort unheimlich stark und dem wollten wir eigentlich entfliehen. So beschließen wir, unsere Nerven für heute zu schonen und einen vertrauten Platz aufzusuchen, fahren zurück nach Aljezur.
Dort angekommen, freuen wir uns, das Ganze gut überstanden zu haben und schütteln die Köpfe: sowas machen wir nie wieder… Das war voll Kamikaze*!


*Anmerkung von Pia: hab mich grad gefragt, was Kamikaze eigentlich bedeutet? Aus dem japanischen übersetzt heißt es „göttlicher Wind“. Paßt ja zu Ilkas Fahrkünsten 😉

6 Kommentare zu „Kamikaze*

  1. Frauenpower pur Gratuliere Mädels reife Leistung Wenn ich ähnliches von meiner Tochter Lena manchmal höre Die auch mit einem Bulli auf Reisen ist bekomm ich die Krise aber es klappt auch immer wieder Wûnsch Euch noch viel Spaß
    Gruß Joachim

    1. Vielen Dank für das Kompliment, „Papa Lena“! Ja, Lena hat uns schon von einigen ihrer Kamikaze-Bulli-Storys erzählt, bei denen uns der Mund offen stehen blieb… Nun wollten sowas mal selber ausprobieren 😉 Viele Grüße, p&i

  2. Sehr amüsanter und ehrlicher blockeintrag. Danke 😉 ich konnte mich euch sehr gut vorstellen. Der Suche nach dem „perfekten Platz“ kann da schon mal zum Abenteuer werden. Das man dem navi bei der Suche nicht zu viel Vertrauen schenken sollte, haben wir auch erfahren! Macht’s gut!

    1. Tja, das Navi. Fluch und Segen zugleich. Vielleicht war es ihm zu heiss geworden, dass es uns direkt in den Atlantik schicken wollte.

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